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 PresseHome » Presse » Pressearchiv » Archiv 2. Quartal 2002 
Lebenslauf Prof. Dr. Sennheiser
22.04.2002
Die Geschichte der Elektroakustik in Europa ist untrennbar mit seinem Namen verbunden: Prof. Dr.-Ing. Fritz Sennheiser. Der Technik-Pionier feiert am 9. Mai 2002 seinen 90. Geburtstag.

Fritz Sennheisers Weg als Entwickler und Unternehmer gehört zu den wohl außergewöhnlichsten Karrieren im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit und danach: Aus bescheidenen Anfängen im “Labor W” (1945) mit sieben Mitarbeitern ist heute die international operierende Sennheiser electronic GmbH & Co. KG geworden. Das Familienunternehmen in der Wedemark nördlich von Hannover beschäftigt derzeit rund 1400 Mitarbeiter und verfügt über vier Produktionsstätten. Der Umsatz von über 220 Millionen Euro (2001) wird zu mehr als 80 Prozent außerhalb Deutschlands gemacht. In einem dichten Vertriebsnetz kümmern sich zehn eigene Vertriebstochtergesellschaften und rund 70 Vertragspartner weltweit um die Sennheiser-Kunden. Das Unternehmen führt rund 1500 Produkte in sieben Geschäftsbereichen (Musikindustrie, Unterhaltungselektronik, Audiologie, Kommunikationssysteme, Luftfahrt, Professionelle Systeme, Multimedia) und bietet neben der “reinen Technik” umfangreiche Beratungs- und Planungs-Dienstleistungen bei Großprojekten weltweit an.

Von der Gartenarchitektur zur Nachrichtentechnik
Die Begeisterung für Technik hat Fritz Sennheiser bereits früh gepackt. “Als Elfjähriger erlebte ich die Einführung des Radios. Meinen eigenen Empfänger habe ich aus einfachsten Mitteln zusammengebastelt, aus einer Schiebespule, einer Wolframspitze, einem Kristall und einer 20 Meter langen Hochfrequenzantenne,” erinnert er sich.

Trotz der Begeisterung für Technik gehört Fritz Sennheisers Herz den Gärten und Pflanzen: Nach dem Abitur 1932 in Berlin will er Gartenarchitekt werden. Doch die Berufsaussichten in diesem Bereich sind wegen der Depression schlecht, und so entscheidet er sich für seine “zweite Liebe”: Elektrotechnik mit dem Schwerpunkt Nachrichtentechnik an der Technischen Universität Berlin. Schon während seiner Studienzeit macht Fritz Sennheiser durch Entwicklungen auf sich aufmerksam. Am Heinrich-Hertz-Institut, dem “Mekka der Nachrichtentechniker”, wo er seine Diplomarbeit schreibt und als Assistent arbeitet, entwickelt er gemeinsam mit Kommilitonen eine Hall-Apparatur, die während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 1936 in Berlin eingesetzt wird. Die Spiele sollen feierlich mit einem Orgelstück eröffnet werden. Dazu baut die Studentengruppe um Fritz Sennheiser einen Flügel zu einer Hall-Apparatur um, damit das Stück im Stadion so gut wie in einer großen Kirche klingen kann.

Als sein Abteilungsleiter am Institut, Prof. Dr. Vierling, 1938 ein Angebot aus Hannover erhält, folgt ihm Ober-Ingenieur Fritz Sennheiser. An der dortigen Technischen Hochschule unterstützt er Vierling beim Aufbau des Instituts für Hochfrequenztechnik und Elektroakustik und promoviert 1940. Während des Krieges arbeiteten Sennheiser und sein Chef auf dem Gebiet des Chiffrierwesens. Als Prof. Vierling ein zweites Institut mit Sende-/Empfangsanlage in Süddeutschland aufbaut, übernimmt Fritz Sennheiser in Hannover seine Vorlesungen. Der Forschung und Lehre bleibt der Wissenschaftler auch als erfolgreicher Unternehmer bis 1980 durch seine Honorarprofessur an der Universität Hannover verbunden.

Die Anfänge in Wennebostel
1943 wird das Institut für Hochfrequenz und Elektroakustik in Hannover ausgebombt. Nach intensiver Suche findet sich in Wennebostel (heutige Gemeinde Wedemark) ein Ausweichquartier. Die rund 50 Institutsmitarbeiter erleben hier das Kriegsende. Danach trennen sich die Wege der meisten Entwickler, zurück bleiben Fritz Sennheiser, der für “seine Leute” eine gewisse Verantwortung spürt, und sieben Mitarbeiter. Das bisherige Forschungsgebiet HF-Technik wird unter Todesstrafe gestellt, der Morgenthau-Plan, aus Deutschland ein reines Agrarland zu machen, lässt bei den Ingenieuren Zukunftsängste entstehen. Dennoch lehnt Dr. Sennheiser ein Angebot der Briten ab, nach Cambridge zu gehen; die Besatzungsmacht untersa gt ihm daraufhin die Habilitation.

Fritz Sennheiser wagt den Neuanfang in Wennebostel und gründet in den Institutsräumen den Handwerksbetrieb “Labor W”. Doch so einfach geht das nicht: Das Gebäude wird sofort von einer englischen Nachrichtentruppe besetzt, Fritz Sennheiser muss alle Schlüssel aushändigen. Als die Truppe eines Tages abgelöst werden soll, wird ein Schild angebracht, das das Betreten der Räume unter Todesstrafe stellt. Doch die neue Truppe lässt auf sich warten. “Wir sahen uns das eine Zeitlang an und fragten uns dann, wie ernst das wohl mit der Todesstrafe gemeint sei. Eines Nachts habe ich dann das Plakat entfernt. Am nächsten Tag haben alle gestaunt, dass da kein Schild mehr war. Da ich noch einen Zweitschlüssel hatte, dachten wir uns, dass wir auch hinein gehen könnten. So hat es damals angefangen.”

Die ersten Produkte
Aus den “Überbleibseln” der Institutsgeräte bauen die findigen Entwickler Röhrenvoltmeter, die Fritz Sennheiser dann Siemens Hannover zum Verkauf anbietet. Siemens, von den eigenen Werken abgeschnitten, ist hoch erfreut und plaziert gleich Aufträge für weitere Messgeräte. Die hervorragende Qualität der “Labor W”-Produkte spricht sich bei Siemens herum: Die Niederlassung Karlsruhe bittet Sennheiser, ein dynamisches Mikrofon nachzubauen, das DM 1. Zunächst kopieren die HF-Spezialisten nur, dann beginnen sie, sich in die Materie zu vertiefen und können Siemens schon bald ein eigenes Mikrofon präsentieren, das MD 2.

Geburtsstunde der Sennheiser-Mikrofone
Der Urahn aller Sennheiser-Mikrofone ist geschaffen. Auch außerhalb der Siemens-Welt wird das MD 2 zum Verkaufsschlager. Wichtige Abnehmergruppe: die höchst anspruchsvollen Rundfunkanstalten. Es folgt das MD 3, auch als “unsichtbares Mikrofon” bezeichnet, weil sich der eigentliche Wandler unterhalb eines sehr schlanken Halses befindet. Dieses Mikrofon sollte auch die spätere Namensänderung in Sennheiser electronic beschleunigen: Der damalige australische Ministerpräsident weigerte sich nämlich, über das MD 3 zu sprechen, weil er den Schriftzug Labor W entdeckt hatte und das Mikrofon für ein Gewerkschaftsmikrofon hielt.

Mit dem MD 4 stellt Sennheiser dann 1951 sein erstes Kompensationsmikrofon vor, von Marktschreiern wegen seiner Robustheit bei “nicht bestimmungsgemäßer Verwendung” auch “Wanzenhammer” genannt. 1954 folgt das MD 21, ebenfalls eine Legende. Es gibt wohl kaum einen Reporter, der dieses Mikrofon – das auch heute noch im Programm ist – nicht irgendwann einmal benutzt hätte. Als “dienstältestes” Reportermikrofon hat es viele historische Momente und Persönlichkeiten begleitet, so z.B. John F. Kennedy oder Louis Armstrong.

Rasantes Wachstum
Ende der 50er Jahre liegt der Umsatz der jungen Firma bereits bei 9,9 Millionen Mark. Geplant oder sogar angestrebt hat Fritz Sennheiser diesen großen Erfolg nicht. “In den ersten Jahren wollte ich mit dem Labor nur so viel Geld verdienen, dass wir alle unsere Familien ernähren konnten”, sagt Fritz Sennheiser. “Später waren wir dann zum Wachstum geradezu gezwungen, um die Konkurrenz in Schach halten zu können.”

Bahnbrechende Produkte
Die Sennheiser-Ingenieure strecken ihre Fühler immer weiter in andere Bereiche der Elektroakustik und schließlich auch wieder in die HF-Technik aus. 1958 – Labor W firmiert inzwischen unter Sennheiser electronic – kommt die erste drahtlose Mikrofonanlage “mikroport” auf den Markt: eine Sensation. Professor Fritz Sennheiser: “Es gab übrigens eine nette und kostenlose Werbung für uns im Fernsehen – und einen Gag für Peter Frankenfeld. Er hatte an dem drahtlosen Mikrofon ein langes Kabel. Dann hat er seine Witze gemacht und sich mehrmals darin verheddert. Daraufhin schnitt er kurzerhand das Kabel ab – und die Sendung ging so weiter. Das wurde überall herumerzählt, was uns sehr geholfen hat.”

Die großen Samstagabend-Shows profitieren nicht nur von der drahtlosen Mikrofontechnik, sondern auch von einer brandneuen Sennheiser-Produktfamilie: den Rohrric htmikrofonen, die Schall aus großer Entfernung “punktgenau” aufnehmen. Resultat: Keine Mikrofone mehr im Bild und großzügigere Einstellungen, weil das Mikrofon nicht dicht beim Sprecher sein muss. Auch in Hollywood ist die Marke Sennheiser darum bald ein Begriff. Die Anerkennung dieser Leistung sollte 1987 erfolgen, als Fritz Sennheiser den “Technischen Oscar” der “Academy of Motion Picture Arts and Sciences” für das Rohrrichtmikrofon MKH 816 erhält.

1960 setzt Sennheiser mit dem Studiomikrofon MD 421 einen weiteren Meilenstein. Neben seinem überragenden Klang und der hohen Gebrauchssicherheit profiliert sich dieses für Sprache und Gesang hervorragend geeignete “Universalgenie” durch seine außergewöhnliche Robustheit. Auch dieses Mikrofon ist heute noch im Programm, bislang sind über 400.000 Stück verkauft worden.

Der erste offene Kopfhörer der Welt
“Die Ingenieure haben stets große Freiräume gehabt. Sie durften “spinnen”. Häufig sind aus diesen Ideen die besten Entwicklungen und Produkte entstanden. Bedenken des kaufmännischen Leiters, der vor allem den Ertrag im Blick hatte, wurden somit stets zuverlässig zerstreut... Denn schließlich verkauft ein Unternehmen nicht nur Produkte, sondern vor allem Ideen.” Dieser Einstellung Fritz Sennheisers verdankt das Unternehmen die Entwicklung und Patentierung des ersten offenen Kopfhörers der Welt. Durch Herumspielen fand ein Ingenieur heraus, dass Kopfhörer – damals durchweg schwere, geschlossene Modelle – besser klingen, wenn man die Muscheln offen macht. Das Ergebnis war der HD 414, der noch heute an der Spitze der Bestsellerlisten für Kopfhörer liegt. “Der Erfolg des HD 414 hat uns dann doch überrascht, und dass Hersteller aus aller Welt mit uns Lizenzverträge für das Patent des “offenen Kopfhörers” abschlossen, das war schon interessant”, resümiert Fritz Sennheiser.

“Sennheiser Goes Global”
In den 70er Jahren treibt Fritz Sennheiser die Internationalisierung seines Unternehmens besonders stark voran. Vertriebspartner in Europa und in Übersee sorgen für ein weitgespanntes Netz. Sogar in Gegenden, die Sennheiser zumindest nicht offiziell beliefert, schätzt man auf höchster Ebene Klangqualität aus der Wedemark: Der Staatschef der damaligen UdSSR, Leonid Breschnew, nutzt im Kreml das MD 441.

Währenddessen wird die drahtlose Mikrofontechnik weiter perfektioniert: Rauschunterdrückungsverfahren, Diversity-Empfänger und Miniaturisierung machen Sennheiser-Drahtlostechnik zum Star auf allen Bühnen; Musicals profitieren ganz besonders von der unauffälligen Mikrofontechnik.

1975 wird auch der Ton für den Endverbraucher drahtlos: Sennheiser stellt den Prototypen eines drahtlosen Kopfhörers auf Infrarotbasis vor. Und auch die Profimikrofontechnik wird mit den neuen Elektretkondensatormikrofonen für den Heimgebrauch erschwinglich.

Das Unternehmen wächst und wächst – 1977 wird eine zweite Produktionsstätte in Burgdorf eröffnet.

“Geld – nur eine Rechengröße”
Seit der Unternehmensgründung gehört für Fritz Sennheiser Unabhängigkeit zu den wichtigsten Werten. Deshalb lehnt er Übernahme- oder Beteiligungsangebote, beispielsweise aus Übersee, konsequent ab. “Geld war für mich stets nur eine Rechengröße”, sagt er auch jetzt noch. Das Unternehmen ist bis heute finanziell ungebunden, investiert nur, was die Eigenmittel erlauben, und wächst grundsolide aus eigener Kraft. Die endgültige Entscheidung, ein Familienunternehmen zu bleiben, fällt 1976: Der Sohn des Gründers, Prof. Dr. Jörg Sennheiser, wird als Kommanditist in die KG aufgenommen.

1982 zieht sich Fritz Sennheiser im Alter von 70 Jahren aus dem aktiven Unternehmerdasein zurück und übergibt seinem Sohn die Geschäftsführung. “Ich hatte mich auf den Ruhestand eingestellt – obwohl ich zugeben muss, dass ich gern noch länger weitergemacht hätte.” Warum? “Weil es mir einfach Spaß gemacht hat und natürlich auch, weil der Erfolg immer da war. Ich habe immerhin zweieinhalb Jahre gebraucht, um mich daran zu gewöhnen, nichts mehr en tscheiden zu können.”

Ein gern gesehener Gast
Mit seiner “eigenhändigen Pensionierung” vor nunmehr 20 Jahren hat sich Fritz Sennheiser aber nicht aus dem Unternehmen verabschiedet. Der Senior nimmt – zusammen mit seiner Tochter Karin – auch heute noch regelmäßig an Gesellschafterversammlungen und Aufsichtsratssitzungen teil. Und wöchentlich mindestens einmal treffen ihn die Mitarbeiter in den Produktionshallen und Büros – wenn er nicht zusammen mit seiner Frau Herta auf Reisen ist oder sich um seine aus Jugendzeiten bewahrte Leidenschaft kümmert, der Orchideenzucht. Mitarbeiter, die Fritz Sennheiser auf dem Firmengelände treffen, nehmen ihn als zurückhaltend-integren, zuvorkommenden, offenen und verantwortungsbewussten Menschen wahr, der den Rummel – auch zu seinem 90. Geburtstag – wohl am liebsten meiden würde.